Text und Bilder: Toni Kaiser

«Z’Altreu bi de Schtörch»

Die Ebene zwischen Solothurn und Grenchen, bekannt unter dem Namen «Witi», ist eine Kulturlandschaft von grosser ökologischer Bedeutung. Im intensiv genutzten Landwirtschaftsgebiet – mit Altreu im Zentrum als der bekanntesten Storchensiedlung der Schweiz – hat sich dank Renaturierungen die Tier- und Pflanzenwelt erholen können.

Vielstimmiges Geklapper tönt aus den Baumwipfeln und von den Hausdächern zu uns herab, als wir das Dorf erreichen. Es kommt von dessen berühmtesten Bewohnern: den Störchen. Normalerweise tun sie das zur Begrüssung von ihresgleichen oder auch zur Verteidigung des Horstes. Doch vielleicht ist der Ruf von WanderFritz auch schon bis zu ihnen durchgedrungen, wer weiss? Zwar steht der markante Vogel als Symbol für menschlichen Nachwuchs. Doch darum gehts wohl heute nicht bei der Truppe um Fritz Hegi, bin ich selber doch im Jahr vor meiner Pensionierung der deutlich jüngste Mitwanderer… Doch willkommen in Altreu bei den Störchen!

Diese unglaublichen Tiere! Sie brauchen als Lebensraum vernässte Wiesen, wo sie ihr Futter finden – Frösche, Molche, kleine Schlangen, Mäuse, Eichhörnchen, Würmer, Raupen – Störche sind tatsächlich reine Fleischfresser. Doch Nasswiesen wurden im Aaretal zwischen Grenchen und Solothurn Mangelware, als man im neunzehnten Jahrhunderts das Gebiet trockenzulegen begann. Zu viel Ärger und Leid hatte der unkontrollierbare Fluss mit seinen Überschwemmungen Jahr für Jahr über die Bevölkerung gebracht. Dann gingen Wasserbauingenieure über die Bücher und inszenierten, was als erste (1868–78) und zweite Juragewässerkorrektion (1962–73) in die Bücher einging. Die Massnahmen – etwa die Umlegung und teils auch Kanalisierung des Aarebettes sowie ein gigantisches Netz von Entwässerungskanälen – zeitigten Erfolge, jedenfalls für die Landwirte. Für Nässe liebende Tierarten war das Ganze jedoch ein Desaster. Für sie besserte sich die Situation erst wieder, als 1994 mit dem Anliegen, die offene Ackerlandschaft zu erhalten und eine naturnahe Bewirtschaftung zu fördern, die kantonale Landwirtschafts- und Schutzzone (Witischutzzone) Grenchen–Solothurn in Kraft trat. Die damit verbundenen Renaturierungen waren u. a. Bedingung des Bundes für den Bau des 1,7 km langen Witi-Autobahntunnels. In der Folge konnten bis heute fünf Biotope von nationaler Bedeutung sowie ein gutes Dutzend weitere kleinere Schutzobjekte ausgeschieden und ökologisch aufgewertet werden. Des verhalf der heimischen Tier- und Pflanzenwelt und auch vielen Zugvögeln wieder zu mehr Lebensräumen. Seither sind in der Witi zum Beispiel Kiebitz, Braunkehlchen und der Grosse Brachvogel wieder zu sehen und bei den Pflanzen etwa das Hohe Veilchen, die Riesenampfer und die Gelbe Wiesenraute.

Auch der Feldhase, ursprünglich ein Steppentier, das offene Landschaften mit Hecken braucht, hat sich wieder ausbreiten können. Dies mit so gutem Erfolg, dass die Witi als einstige «Hasenkammer der Schweiz» heute wieder als bedeutendstes Hasengebiet des Landes gilt. Meister Lampe kann nun also in den Wiesen um Grenchen die Tage wieder ruhig in seinen muldenartigen «Hasensassen» verbringen und –  falls er doch gestört wird – mit bis zu 70 km/h über die weiten Felder von dannen flitzen.

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Und auch dem Biber ist es sichtlich wohl an der Aare. Vor allem, wo der vom Jura herabgurgelnde Lochbach in die Aare mündet. Zumindest lassen mächtige Frassspuren an den Bäumen auf eine intensive Bibernutzung schliessen. Seit seinem Schutz im Jahr 1962 – damals gab es schweizweit nur noch einige wenige wiederangesiedelte Tiere – ist die Population auf heute geschätzte 3500 Exemplare angewachsen. Gut 20 Reviere mit gegen 80 Tieren gibt es derzeit in der Region. Wo der Biber lebt, nimmt die Biodiversität markant zu. Dies darum, weil der Nager als Landschaftsarchitekt auch für andere Tiere neue Lebensräume schafft.

Was glücklicherweise auch blieb: Die Aare durfte nach den Eingriffen weiterhin ihre Schleifen durch die weite Ebene am Jurasüdfuss ziehen, wie sie dies schon seit den Nacheiszeiten, seit dem Abschmelzen des Rhonegletschers vor gut 12000 Jahren, getan hatte. Einer dieser Schleifen entlang ist unterdessen auch das virusverringerte WanderFritz-Grüppchen spaziert, unter kundiger Führung von Witi-Ranger Hanspeter Beutler. Der ehemalige Chemiker beim Solothurner Amt für Umwelt ist heute zwar pensioniert. Doch war Nichtstun keine Option für den bewegungsfreudigen Mann. Also machte er das Hobby zum «neuen» Beruf und führt nun regelmässig naturinteressierte Leute wie uns durch die hiesigen Aareweiten.

Kurz vor Altreu haben wir auch den vor gut einem halben Jahr installierten Holzturm bestiegen und den Blick über die malerische Lagunenlandschaft am Altreuer Aareufer schweifen lassen. Neben allerlei Enten- und Vogelgetier segelt ab und zu auch ein Storch an den Besuchern vorbei. Genauer ein Weissstorch. «Segeln ist genau richtig, Störche sind nämlich keine Flatteri», weiss Hanspeter zu erzählen. Und dass sie hier so elegant vorbeischweben, ist auch nicht verwunderlich ist, gilt Altreu doch als das Storchendorf der Schweiz, ja gar als eines von 15 Storchendörfern Europas. Doch lebte vor 70 Jahren hier, im 1279 erstmals erwähnten Altrua, dem Dorf der «hohen Strasse», kein einziger dieser Vögel mehr. Dann trat Max Blösch auf den Plan und kümmerte sich um die Wiederansiedlung der grossen Schwarzweissen mit der Spannweite von bis zu zwei Metern. Ab 1960 zeitigten die Versuche dann erste Erfolge und liessen die Storchenpopulationen schweizweit anwachsen – bis auf aktuell gegen 700 Brutpaare.

Das tönt nach viel, doch muss man wissen, dass von den Jungstörchen nur etwa jedes fünfte Tier das erste Jahr bzw. die erste Reise überlebt. Genetisch programmiert, segeln die Tiere jeweils im Herbst über tausende von Kilometern bis weit nach Afrika hinein – oder auch nur bis nach Spanien, wenn sie dort reichlich Nahrung vorfinden. Ältere Semester – im letzten waren es mehr als die Hälfte – verbringen jedoch den Winter zunehmend vor Ort, auch weil das Mittelland über keine durchgehende Schneedecke mehr verfügt. Sie bleiben dann in ihren teils kunstvoll platzierten und aufgeschichteten Horsten, die bis gegen eine Tonne und mehr wiegen können und in denen Störche fast alles verbauen, was sie finden und transportieren können. 53 Storchenpaare hat man im vergangenen Jahr in Altreu gezählt und dazu über 90 Jungstörche. Diese erreichen innerhalb von nur drei bis vier Monaten von 75 Gramm Geburts- ihr Erwachsenengewicht von drei bis vier Kilo. Dass dies so schnell gehen kann, dafür sind die Eltern verantwortlich – indem sie jedem Jungtier bis zu eineinhalb Kilo Fleischfutter täglich zustecken. Das entspricht etwa 37 Mäusen – eine unglaubliche Zahl, wenn man bedenkt, dass so ein Storchenpaar bis zu drei Jungtiere gleichzeitig aufzufüttern hat! Um all das Futter zu finden und zu fangen, braucht es eben schon weite Landflächen, in der so viele Nager und anderes Kleingetier leben können. Eine intakte Witi eben.

Schutzzone und Infozentrum Witi Die 32 km2 grosse Kantonale Landwirtschafts- und Schutzzone Witi liegt in der Ebene zwischen Grenchen und Solothurn. Im Zentrum liegt das Storchendorf Altreu mit dem Infozentrum Witi. Als bedeutende Hasenkammer der Schweiz und als wichtiges Brutgebiet für zahlreiche Vogelarten birgt die Witischutzzone viele wertvolle Naturschätze. Der westliche Teil des Gebietes ist als Wasser- und Zugvogelreservat von nationaler Bedeutung ausgeschieden.
Infos und Führungen: Tel. 032 623 51 51, www.infowiti.ch

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