Text und Bilder: Toni Kaiser

«Wiiläset» in Twann

Das nördliche Ufer des Bielersees mit seinen schmucken Weinbaudörfern erscheint dem Vorbeireisenden wie ein kleines Paradies. Wer sich Zeit für einen Aufenthalt nimmt, kann persönliche Bekanntschaften mit Winzerinnen und Winzern schliessen. Eine von ihnen ist die Twannerin Ursula Angelrath.

Als ich in der engen Twanner Dorfgasse einlaufe, befördert Ursula Angelrath gerade einen Trolley mit trübem Most – man nennt ihn hier «Trueb» – über die Gasse zum Nachbarwinzer. Sie will ihn dort klären lassen, damit sie ja auch die letzten Reste noch zu Wein vergären kann. Seit vier Tagen sind ihre Helferinnen und Helfer schon am Lesen der Trauben. Heute Abend soll Schluss sein in den zwei Hektaren, die sie um Twann besitzt – ich komme also gerade noch rechtzeitig. Das sind je nach Saison 15 bis 20 Tonnen Traubengut, woraus gut 70 Prozent Wein bereitet werden können. Vor allem die klassischen Chasselas (Gutedel) und Pinot noir (Blauburgunder), dazu etwas Chardonnay und Pinot gris, die Ursula zu weissen, roten und rosé Weinen verkeltert. Darunter auch einen sogenannten Blanc de Noir, also einen Weisswein aus roten Trauben, und den beliebten, sommerlich-frischen Rosé Oeil de Perdrix.

Seit 1999 führt Ursula den Betrieb, alleine. «Und mit Herzblut», sagt sie selber. Das spürt und sieht man auch. Die geringe Betriebsgrösse gebe ihr die nötige Narrenfreiheit. Das zeige sich etwa, indem sie ihre Weine auch mit dem Velo persönlich ausliefere, heisst es auf ihrer Webseite vielversprechend. Das Gut ist seit dem Urgrossvater im Familienbesitz. Ihr Schwager Matthias, der Buchbinder ist, legt bei der Lese ebenfalls kräftig Hand an, und das gerne: «Statt Bücher Trauben pressen», meint er verschmitzt. Und auch Bruder Peter ist dann stets mit von der Partie. Das eingespielte Trio reicht aber natürlich nicht für die ganze Arbeit: Ein gutes Dutzend Helferinnen und Helfer kommen noch hinzu – aus der Verwandtschaft, aber auch aus dem Ausland. Meist helfen immer wieder die gleichen Leute mit, die jeweils von Weinbaugebiet zu Weinbaugebiet reisen und eigentliche Erntespezialisten sind. Und sollte Angela einmal nicht genug Helfer finden, könnte sie auch welche von der Weinbaugesellschaft vermittelt bekommen.

Im Moment geht es auf dem Weingut recht hektisch zu und her. Die Trauben werden nach der Anlieferung noch auf der Gasse entrappt. Die Stiele müssen weg, sonst gibt das grasig-grüne Noten im Wein, was nicht wirklich fein ist. Mittels Schlauch werden die Trauben dann in die Presse befördert – von nun an ist die Sache flüssig und läuft als Most in eine Wanne, dann weiter in den Gärtank, wo der süsse Saft Zeit zum Absetzen hat, bevor er während durchschnittlich fünf bis sechs Tagen vergären kann. Dabei soll möglichst aller Zucker – man misst ihn mit dem Refraktometer in sogenannten Öchslegraden – zu Alkohol werden. Das sei aber gar nicht so einfach, oft brauche es dazu noch eine zusätzliche Hefegabe, erklärt die Winzerin…

Weiterlesen in Wandermagazin SCHWEIZ, Ausgabe 5/2020

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