Text: Toni Kaiser, Bilder: Shutterstock

Welcher Wandertyp bist Du?

Wer wandert, und das tun hierzulande die meisten gelegentlich bis regelmässig, trifft notgedrungen auf allerhand Leute. Man zieht aneinander vorbei, wird überholt, grüsst,  wechselt ein paar Worte, schaut. Und staunt oft genug, wer und was sich da wieder alles auf unseren Wanderwegen tummelt. Und man macht sich so seine Bilder. Eine Typologie, nicht ganz ernst zu nehmen.

Der Geniesser.  Das Leben ist schön, die Sonne ist schön, die malerische Bergwelt auch, das Blümchen am Wegrand, die Murmeltiergruppe und der kreiselnde Bartgeier. Alle paar Minuten gibts einen Rundumblickstopp, damit ja nichts Grossartiges verpasst wird. Ein Muss ist der Startkaffee am Morgen und das Mittagessen in der Beiz, ein Stündchen im Liegestuhl auf der Terrasse oder auf der mitgebrachten Decke in der Wiese auch. Ein Schluck Weisser am schönen Picknickplatz ist jeee, Pressieren wäääh. Erkennungszeichen: viel Zeit.

Der Gruppenwanderer.  Man hört sie schon von weitem, die Wandergruppe, schon im Zug ist ein Halli und Hallo, lautstark werden Gipfeli und Sandwiches gemampft, am frühen Morgen auch schon mal ein Weisser entkorkt, es wird gescherzt und gelacht, referiert und diskutiert. Ein Gruppenpicknick mit Feuerchen ist ok, (mindestens) eine schöne Beiz am Weg besser. Wer schon einmal einer Gruppe Italiener oder Senioren im Zug begegnet ist, weiss, wovon ich spreche. Erkennungszeichen: Jedes Wort zählt.

Der Speedwanderer.  Der Blick konzentriert voraus, minimalistische Ausrüstung, Joggingschuhe, kurze Hose, Minirucksäckli, Flasche mit Saugverschluss und Kraftfoodriegel in der Bauchgurttasche, damit ja keine Zeit verloren geht, weil man die ja misst, dazu Smartwatch am Silikon-Armband mit Bluetooth-Kopfhörer und Herzfrequenzmessung am Brustgurt. Jedes Gramm zählt, keines zu viel kommt mit. Meistens ist dieser Typ als Einzelkämpfer unterwegs, die gewählte Route ist Training und nicht Genuss. Schliesslich hat man zu Hause noch ein paar Sachen zu erledigen, bevor es dunkel wird. Erkennungszeichen: keine Zeit.

Der Kampfwanderer.  Eine richtige Wanderung ist eine ernsthafte Herausforderung und kein Herumblöterle, ist Leistung, Kampf, mit dem Gelände, dem Wetter, dem Berg, den man erobern, überwinden, bezwingen will. Man trägt Tarnfarbe, ja nichts Auffallendes, ein kariertes Flanellhemd Typ Holzfäller, das gerne ein bisschen müffeln darf, währschafte Hose, die von selber steht, Klötze von Schuhen, die auch einem fallenden Baum widerstehen würden. In der Not könnte man sich auch gegen einen Bären wehren, so sich einer in den Weg stellen würde. Erkennungszeichen: stets einsatzbereites Multifunktionstool am breiten Ledergurt. 

Der Geck.  Ihm fehlt nichts, aber wirklich nichts, was Eindruck machen kann. Und was er hat, das passt, auch farblich. Der neueste Schick muss es sein, er zeigt, was er hat, und das gerne, damit jeder sieht, dass er es sich auch leisten kann. Hauptsache, er fällt auf. Oft ist er ein bisschen overdressed, und meistens nur bei Schönwetter anzutreffen. Erkennungszeichen: coole Sonnenbrille.

Der Kontrolli. Dieser Typist für jede Gelegenheit gerüstet, alles ist pieksauber und durchgeplant, Handy, GPS, Kompass, Karte, Feldstecher, Superzoomkamera mit Reserve-Akku, voller Proviantsack, Zeitungspapier und Zündhölzer, Servietten, Grillierstab, Schuhe gewienert, Notfallapotheke mit Rettungsdecke und Trillerpfeife, Reepschnur und ein paar Schlingen. Schliesslich könnte der Wanderweg ja abgerutscht sein, sodass man sich mit Seil und Haken durch die Wildnis kämpfen muss. Erkennungszeichen: mindestens ein Karabinerhaken baumelt am Rucksack.

Der mit dem Hund wandert. Zuerst kommt der Vierbeiner, neugierig, schnüffelnd, hin- und herhechelnd, mit Stöcklein in der Schnauze oder auch nicht. Dann kommt der Herr, mit ausziehbarer Leine und (hoffentlich) einem orangen Säcklein in der Hand, lautstark kommandierend und kommentierend, nein, nein, beissen tut Chico ganz bestimmt nicht, oder so. Erkennungszeichen: Hund und Besitzer sind sich oft erstaunlich ähnlich.

Der Touri.  Meist in der Gruppe auftretend, immer bereit, für ein Handybildchen zu posieren, mit und ohne Sonnbrille, zusammen oder solo, mit Kellner am Arm oder Matterhorn im Hintergrund. Ausrüstung minimal bis nicht angepasst an die imposante Bergwelt, schliesslich genügen ein paar Wandermeter ausserhalb der Bergstation, um das grossartig Erlebte zuhause würdig zu dokumentieren. Erkennungszeichen. Selfie Stick.

Der Wanderprofi.  Er ist allein, schnell unterwegs und hat die Route im Griff – im wahrsten Sinne des Wortes: als Computerausdruck, auf dessen Rückseite er seine Notizen anbringt, und/oder im Handy. Wenig Gepäck, Kamera um den Hals, Griffel in der Brusttasche, stetig das Gelände absuchender Blick und jederzeit bereit, einem Passanten noch ein paar schlaue Fragen zu stellen. Typisch Journi halt. Für Müssiggang hat er meistens keine Zeit, denn Wandern ist für ihn Arbeit und der Weg dahin auch. Und auch den nutzt er, um die Gedanken schon mal aufs Papier oder den Laptop abzuladen.

Und dann gibts noch die, welche das Bike über die Berge tragen. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

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