Text: zVG Gretz Communications, Titelbild: Vincent Bourrut

Wandervergnügen im Waadtländer Jura

Die landschaftlichen Reize der Region von Yverdon-les-Bains sind unbestritten. In den nahen Jurahöhen kommen insbesondere Wanderfreunde auf ihre Rechnung. Beispielsweise bei einer Chasseron-Rundwanderung ab Sainte-Croix oder auf dem Kulturweg ab Romainmôtier.

Sainte-Croix, unser Ausgangspunkt der Rundwanderung, liegt auf rund 1100 m auf einer sonnigen, geschützten Terrasse im Herzen einer prächtigen waadtländischen Juralandschaft. Das 5000-Seelen-Dorf gilt als Welthauptstadt für Musikautomaten und zeigt diese Wunderwerke der Technik auch im Centre International de Mécanique d’Art (CIMA). Doch vorerst geht’s ohne technische Hilfsmittel auf die 12 km lange Wanderung. Rund vier Stunden sollten dafür veranschlagt werden.Wir haben jedoch etwas mehr eingerechnet, zumal die Tour auf der regionalen Webseite als «schwierig» eingestuft wird – und etliche heimelige Gaststätten nur darauf warten, dass Wandervögel hier eine Pause einlegen.

Sahnehäubchen auf der Torte
Im Wissen darum, dass wir auf dem Chasseron für die Mühen des Aufstiegs mit einer fantastischen Weitsicht belohnt werden, nehmen wir die Route in Angriff. Der Weg führt praktisch schnurgerade Richtung Norden, über beschauliche Juraweiden und durch Wälder bis zum Weiler Les Praises. Wir biegen scharf rechts ab und folgen dann ohne grossen Höhendifferenzen der Bergflanke bis zur Alphütte La Casba. Allein die charakteristischen Schindelfassaden sind Grund genug, hier einen ersten Halt zu machen. Das erstaunlich reiche Angebot in der urigen Bergwirtschaft macht die Wahl zur Qual. Empfohlen wird uns der Gâteau à la crème sowie der Menegetz, ein Drink aus Rot- oder Weisswein, Citron und Kirsch.
Dass wir unsere Wanderung nach relativ kurzer Zeit fortsetzen müssen, ist mit Blick auf den engen Zeitplan verständlich. So geht’s dann bald weiter aufwärts, vorbei am nicht minder heimeligen und währschaften Chalet Restaurant Les Avatte. Trotz stetig steigendem Weg können wir die facettenreiche Juralandschaft in vollen Zügen geniessen und hie und da den Blick auf das uns zu Füssen liegende Mittelland werfen. Die Vorfreude auf das, was wir in Sachen Aus- und Weitsicht auf dem «Kulminationspunkt» Le Chasseron erleben werden, nimmt mit jedem Schritt zu. Und dass zuweilen ein paar Gämsen zu erspähen sind, kommt dem berühmten Sahnehäubchen auf einer Torte gleich. Jedenfalls macht es den Marsch über die Petites Roches zum Pierre de la Paix (Friedensstein) erheblich leichter.

Kraft vom Friedensstein
Der Friedensstein auf dem Chasseron: Südwestlich des Gipfels gelegen, markiert der unscheinbare Felsblock – er soll im nahen Dorf Bullet entdeckt und in der Folge auf das Chasseron-Plateau transportiert worden sein – einen Kraftort, an dem sich drei geomantische Kraftlinien kreuzen. Wer die Hände auf die mit den Zeichen aller Weltreligionen eingravierte Oberfläche legt, soll die besondere Kraft denn auch spüren. Wir tun dies selbstverständlich und warten geduldig auf die sagenhafte Wirkung des mystischen Steins. Dass sich unsere schweren Beine nach dem bisherigen Aufstieg rasch erholen können, liegt allerdings wohl eher an der kurzen Verschnaufpause als am Felsblock an sich. Wir erreichen nämlich einigermassen munter den hinter dem Restaurant Le Chasseron gelegenen gleichnamigen Gipfel. Der Blick ist schlicht überwältigend. Im Vordergrund die Jurahügel, zu deren Füssen der Neuenburgersee und das ganze Mittelland, im Hintergrund ein kilometerlanges Alpenpanorama vom Titlis bis zum Salève – Eiger, Mönch, Jungfrau und Mont Blanc inklusive.
Wir verlängern dieses Naturschauspiel und geniessen auf der Terrasse des Hôtel du Chasseron (1607 m) eine willkommene (auch kulinarische) Erfrischung. Das ganzjährig geöffnete Hotel bietet Unterkunft mit 36 Betten. Im gemütlichen Ambiente des Restaurants wird ein abwechslungsreiches Angebot regionaltypischer Gerichte serviert; besonders beliebt und weitherum bekannt sind das Mauler-Fondue und das Rindertatar.

Musikautomaten und frisches Bier
Der Rückweg der Rundwanderung erfolgt über die Nordflanke des Chasseron Richtung La Merlaz, Le Sollier und das uns bereits bestens bekannte La Casba zurück in die Ortschaft, die als Zentrum für Präzisionsmechanik einst mit Bolex-Kameras und Hermes-Schreibmaschinen berühmt wurde. Wir waren länger als vier Stunden unterwegs, was auf die Zwischenhalte (wir möchten sie nicht mehr missen) in den beschaulichen Bergwirtschaften zurückzuführen ist.
Indes, noch bleibt genügend Zeit, dem eingangs erwähnten CIMA einen Besuch abzustatten. Es ist derzeit nur samstags, sonntags und an gewissen Feiertagen geöffnet, und Führungen können nur im Voraus telefonisch oder per E-Mail gebucht werden. Mit menschlichen Figuren wird eine historische Musikdosen- und Musikautomaten-Sammlung in Szene gesetzt. Einige Exponate sind weltbekannt und mit aussergewöhnlich komplexen Feinmechanismen ausgestattet. So zum Beispiel der «Prinz Eugen» von François Junod, der zeichnen kann, oder «Pierrot» von Michel Bertrand, der einen Brief an seine Geliebte Colombine schreibt.
Den Durst löschen wir dann in einem gemütlichen Beizchen und nutzen dabei die Gelegenheit, das besondere Sortiment der örtlichen Brasserie Trois Dames – sie befindet sich unweit des Museums – verkosten zu können. Der kleine Betrieb steht für hochwertiges, handwerklich gebrautes Bier.
Dass Sainte-Croix über ein weiteres gut gehütetes Geheimnis verfügt, erfahren wir bei einem abschliessenden Spaziergang durch das Dorf: der «Amandine». Das Rezept für diese Kuchenspezialität aus Honig, Zucker, Rahm, Mandeln und einem süssen Teig wurde einstmals von einem Zuckerbäcker der Confiserie «La Gourmandine» erfunden. Noch heute backen die Erben der Confiserie den Kuchen nach dem Originalrezept. Die einfach zu transportierende Süssigkeit ist einen Monat haltbar und deshalb ein ideales Mitbringsel, das man nach einem Besuch in Sainte-Croix gern im Reisegepäck mit nach Hause nimmt.

Der Kreis schliesst sich
Wir bleiben in der Region, starten unsere zweite Entdeckungstour jedoch etwas weiter westwärts, in Romainmôtier. Baudenkmäler prägen das Bild des kleinen, mittelalterlichen Dorfes, das sich an einen Ausläufer der Jurahöhen schmiegt. Eine besondere Attraktion ist die zwischen 990 und 1028 errichtete Abteikirche. Anlässlich einer Besichtigung der gut erhaltenen Gebäulichkeiten ist viel über die lange und bewegte Geschichte des Kluniazenser-Klosters zu erfahren. In der zu den ältesten romanischen Kirchen der Schweiz zählenden Abtei werden heute noch regelmässig Gottesdienste abgehalten. Aus dem 14. Jahrhundert stammt der Uhrturm westlich der Stiftskirche, der einst das Tor in der Umfassungsmauer des Klosters bildete. Im Dorf selber sind einige stattliche Häuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert erhalten, darunter das Haus Glayre und das Pfarrhaus aus dem Jahr 1746. Als ob sich ein Kreis schliessen würde, finden wir auch hier wieder eine Brasserie, die uns mit ihrem Angebot begeistert: «La Brasse-Mortier» produziert sechs Biere unterschiedlichster Geschmacksrichtungen nach traditioneller Art. Klar, dass sich auch hier eine Degustation aufdrängt.

Kulturweg durch die Schlucht
Geschichte, Kultur und Natur gehen im und rund um das Städtchen Romainmôtier Hand in Hand. So mag es nicht verwundern, dass ein lohnenswerter Wanderweg als «Kulturweg» bezeichnet wird. Er führt uns durch das schöne Nozon-Tal. Rund drei Stunden sind erforderlich, um die etwas mehr als 10 km lange, abfallende Wegstrecke zurückzulegen. Am Wegrand zeugen Überreste des industriellen Erbes der Region von einer bewegten Vergangenheit. Wir marschieren entlang von Bächen und Felswänden durch vielfältige Lebensräume. Über die Jahrhunderte hat der Mensch in diesen wilden Waldgegenden seine Spuren hinterlassen: prähistorische Steine mit geheimnisvollen Zeichen, Öfen zur Eisengewinnung, Kalköfen, Steinbrüche, in denen die Werksteinen zur Herstellung der prachtvollen Brunnenbecken, die man in den Dörfern des Waadtlands oft antrifft, ausgebrochen wurden.
Die von den Kräften der Natur gestaltete Landschaft der Talmulde hat ihre wilde und ursprüngliche Schönheit bewahrt. Wir geniessen die intakte Kulisse und staunen, wenn oberhalb der Felswände Büschel von Buchsbäumen und mageren Eichen der Umgebung ein mediterranes Aussehen verleihen. Der Kulturweg führt uns bis fast zur Ortschaft Pompables – und hinterlässt in unseren Köpfen bleibende Erinnerungen. Zum Beispiel an die Nozon-Schlucht mit dem wildromantischen Wasserfall «Cascade du Dard», einem Naturschauspiel, das man gesehen haben muss.

Übernachten in …

… Sainte-Croix
Hôtel de France  Haus auf 3-Sterne-Niveau im Dorfkern. Bistro und Restaurant, raffinierte Küche, 27 Zimmer. www.hotelfrance.ch
Maison d’Hôtes Grangette Bellevue B&B  Renoviertes Steinhaus, Sauna, Fitnessbereich, Grillkota, Sport- und Entspannungsmassage, vegetarische/vegane Küche; vier Schlafplätze. www.grangette-bellevue.com
B&B Le Chasseron (Les Replans)  Zwei Zimmer, Badezimmer, Kochnische. www.chasseron.net

… Les Rasses
B&B Les Rasses  Doppelzimmer mit unabhängigem Eingang in einem 2014 erbauten Haus. Parkplatz, TV, Radio, WLAN, Terrassenecke, Frühstück mit hausgemachten Produkten. www.bnb.ch
Grand Hôtel des Rasses  Historisches Hotel 2019, 3-Stern-Betrieb, Restaurant La Boîte à Musique, Speisesaal «Belle Epoque» im Jugendstil-Dekor, 44 Zimmer mit Balkon, Panorama-Terrasse, Hallenbad, Spa-Bereich, Tennisplatz. www.grandhotelrasses.ch

… Les Cluds
Café-Restaurant Les Cluds  Bekannt für seine Fondue- und Filet-Mignon-Küche, Sportler, Familien und Gruppen willkommen, drei renovierte Schafzimmer. www.restaurantlescluds.ch

… Romainmôtier
Maison Junod  Gästehaus im Herzen des Dorfes für 15 Gäste, sechs Schlafzimmer (drei Doppel- und drei Dreibettzimmer), Gemeinschaftsraum, Minibar, WLAN. www.maisonjunod.ch

… La Praz
Ferme de la Praz (B&B)  Bed & Breakfast in einem ehemaligen Bauernhof, vier geräumige Zimmer und eine Familien-Suite, beheizter Whirlpool, Outdoor-Feuerstelle, Leseraum. www.lafermedelapraz.ch

Mehr Infos:
www.yverdonlesbainsregion.ch
www.genferseegebiet.ch
www.musees.ch

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