Text und Bilder: Toni Kaiser

Über dem Nebel

Für viele gilt der Herbst als goldene Wanderzeit. Und mit Gold ist genau das gemeint. Denn nie zeigt sich die Natur in einem prächtigeren Farbenkleid als jetzt, wo die Tage wieder kürzer geworden sind. Und unten oft eine Nebeldecke Blick und Glücksgefühle trübt. Doch was ist Nebel genau? Und warum tritt er vorwiegend in der kalten Jahreszeit auf?

Die Farben sind intensiver, die Nächte kühler, die Luft ist klarer. Und irgendwie riecht sie jetzt auch anders. Es ist Herbst, ja Spätherbst geworden. Wer jetzt noch in den Bergen unterwegs ist, kann sich kaum satt sehen am Lichtspektakel der satt verfärbten Bäume unter dem königsblauen Himmel.

Schon mit dem Postauto von Cevio herauf haben wir die Nebeldecke durchstossen. Was für ein Glücksmoment! Bosco/Gurin ist unser Ziel, das mit 1506 Metern Höhe höchstgelegene Tessiner Dorf. Ein Dorf mit «Walliser» Vergangenheit und heute die einzige deutschsprachige Gemeinde des Kantons Tessin. Fast jedenfalls, denn das «Walsertitsch» – oder auch «Ggurijnartitsch» – hat in den letzten Jahrzehnten doch sehr gelitten, wie die letzte Volkszählung ergeben hat. Die Mehrheit der in der Gemeinde wohnenden 49 (Ende 2019) Personen ist heute italienischsprachig. Nichtsdestotrotz wird man im Walserdorf, dessen Geschichte im 13. Jahrhundert begann, als die ersten Siedler von Westen herkommend hier eine neue Bleibe fanden, auf Schritt und Tritt an die Walliser Wurzeln erinnert.

Vieles mag zwar noch im Dunkel – oder vom Thema her besser im Nebel – liegen. Doch Flurnamen wie Üssera Staful, Rota Balmu und Mattumbort erzählen von den über den Berg gekommenen Ahnen der Guriner. Und natürlich auch das Dorfbild mit seinen für das Wallis typischen, auf Stelzen und Steinplatten ruhenden Holzstadeln. Vieles davon erfährt man im Museum im Guriner Walserhaus – dieses war 1938 das erste im Tessin gegründete volksgeschichtliche Museum.

Das Glück an der Nebelgrenze
Dass die Farben so leuchtend erscheinen und die Fernsicht im Herbst in der Regel besser ist als sonst durchs Jahr – ausser etwa bei Föhnwetterlagen –, hängt von mehreren Faktoren ab. Einerseits von den kühleren Temperaturen der Luft, weil die Tageslängen und damit verbunden auch die Sonneneinstrahlung abnehmen. Und auch die Niederschlagsmenge nimmt auf die Wintermonate hin normalerweise deutlich ab. Allerdings beginnt im Tessin diese Trockenphase noch etwas später, etwa ab November. Und damit sinkt auch die Luftfeuchtigkeit in Höhenlagen, wie auch die Schad- respektive Schwebestoffstoffbelastung. Als Folge davon ist die Luft trockener und reiner und damit auch durchsichtiger – der Himmel erscheint uns dementsprechend blauer.

Hinzu kommt – ebenfalls typisch für den Herbst – ein weiteres Wetterphänomen: die sogenannte Inversionslage. Das meint, dass zwischen 1000 und 2000 Metern die Luft wieder wärmer wird, als sie es in Bodennähe ist. Oder volkstümlicher ausgedrückt: Es herrscht Unten-Grau-Oben-Blau. Inversion entsteht in Hochdruckgebieten, in denen die Luft grossräumig absinkt, sich dabei erwärmt und entsprechend austrocknet. Unten kondensiert sie zu einer Nebelwolke, einer grauen, eintönigen Stratus-Schichtwolke, in der es kalt und trüb ist und aus der auch Nieselregen oder gar feiner, harter Schnee fallen kann. Diese horizontale Inversionsschicht wirkt als Sperre für den vertikalen Luftaustausch. Die kalte Luft, die schwerer ist als warme, bleibt so am Boden liegen. Beispielsweise in der «Badewanne» Mittelland, zwischen dem Jura und den Alpen – oder auch in Tallagen wie in der Magadino-Ebene oder über dem Vierwaldstättersee –, weil sie eingeklemmt ist und weder nach oben entweichen noch seitlich abfliessen kann. Oft wird dieses Phänomen vor allem auf der Alpennordseite noch durch Bisenlagen begünstigt. Diese entstehen bei uns in der Regel mit einer Hochdrucklage, typisch ist dabei ein leichtes Druckgefälle von Nord nach Süd. Das drückt, wie die Erfahrung der Mittellandbewohner zeigt, die Nebelgrenze weit nach oben, oft über 1000 Meter. Die Luft wird dann sogar bis an den Alpen gestaut. Im umgekehrten Fall, wenn also kaum ein Druckunterschied oder eher ein Gefälle von Süden nach Norden besteht, sinkt die Nebelgrenze auf 600 bis 800 Meter ab. Je tiefer sie übrigens liegt, desto grösser ist auch die Chance, dass sich der Nebel im Laufe des Tages auflöst.

Ein Nachteil von Nebellagen ist auch, dass sich unterhalb der Inversionsgrenze vermehrt Schadstoffe wie Russ und Feinstaub sammeln, weil eben der Luftaustausch in den unteren Teilen der Atmosphäre stark eingeschränkt ist. Je tiefer diese Grenze liegt, desto grösser ist auch deren Konzentration, was für die Gesundheit gefährliche Auswirkungen haben kann. Das bringt es mit sich, dass Nebeltage in der Hauptnebelperiode von September bis Februar für viele Bewohnerinnen und Bewohner des Flachlandes eine erhebliche Belastung darstellen und das Wohlbefinden beeinträchtigen. Und wie wir alle wissen, schlägt wenig Sonnenlicht auch aufs Gemüt.

Darum gilt für Menschen, die während der Woche unten im Nebel verbringen müssen, am Wochenende umso mehr: Ab auf die Berge! Die  letzten Schritte durch die obersten dicken Nebelschwaden wirken dann wie eine Befreiung – tief durchatmen und einen Freudenschrei ausstossen! Es gibt beim Wandern kaum einen beglückenderen Augenblick als diesen, wenn man den feucht-kalten Schleier durchstösst und unmittelbar von behaglich-wärmenden Sonnenstrahlen umschmeichelt wird.

Nebel ist nicht gleich Nebel
Nebel sei vor allem ein Phänomen der kühlen Jahreszeit und dann bevorzugt eines der Tieflagen der Alpennordseite, schreibt MeteoSchweiz in ihrem Blog (meteoschweiz.admin.ch). Besonders häufig trete Nebel dort in den Herbstmonaten auf, im Oktober sei an jedem dritten Tag mit Nebel zu rechnen, seltener in hochgelegenen Gebieten sowie auf der Alpensüdseite. Und noch seltener in den Sommermonaten. Und noch einiges mehr ist da in Erfahrung zu bringen. Zum Beispiel, dass Nebel aus kleinsten, in der Luft schwebenden Wassertröpfchen besteht. Diese streuen das Licht gleichmässig, sodass Nebel weiss bis grau erscheint.

Doch wann genau wird von Nebel gesprochen, im Unterschied etwa zu Dunst? Wenn die Sichtweite weniger als einen Kilometer beträgt! Bei einer Sichtweite von 500 bis 1000 Metern spricht man von leichtem, bei 200 bis 500 Metern von mässigem und bei unter 200 Metern von starkem Nebel. Beträgt die Sichtweite einen bis etwa vier Kilometer, sprechen die Meteorologen von Dunst. Doch wieso eigentlich nicht von Wolken? Denn das sind Nebel und Dunst ja und wirken auch so auf uns, wenn wir mittendrin stecken – als eine Form von Wolken. Entscheidend ist, dass Wolken keinen Bodenkontakt aufweisen. Wer also einen Berg hochsteigt, wird, wenn er in eine Wolkenschicht gerät, diese als Nebel wahrnehmen. In der Luftfahrt spricht man in einem solchen Fall von «aufliegender Bewölkung». Und noch eine Begriffsklärung:  Nebel in räumlich sehr begrenzten Gebieten, also zum Beispiel über einer Bodensenke, einem Moorgebiet oder über einem Tümpel bezeichnet man als Nebelbank. Als Nebeltag gilt laut MeteoSchweiz, wenn an einem von drei täglichen Beobachtungsterminen – Morgen, Mittag und/oder Abend – Nebel geherrscht hat. Ein Tag, an dem sich beispielsweise der Nebel am frühen Vormittag auflöst und danach die Sonne scheint, gilt also als Nebeltag. Solche Tage sind laut den Statistiken der letzten Jahrzehnte rückläufig, was auch den Erfahrungen der Menschen entspricht, die in besonders nebelreichen Regionen wie dem Aaretal leben.

Von grauen Nebel- oder Wolkenbänken sind wir hier oben am Lago Melo, dem schwarzen See, jetzt ganz weit entfernt. Ganz im Gegenteil hüllen die Sonnenstrahlen uns in ihr wärmendes Licht und lassen den See in einem tiefen Blau aufscheinen. Leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche. Und auch unten im Taleinschnitt des Valle di Bosco Gurin hat sich der dichte Nebel inzwischen in eine lichte Dunstschicht verwandelt, die sich etwas später noch ganz auflösen wird. Nirgendwo anders als hier möchten wir jetzt gerade sein und einfach nur weitergehen, von See zu See unter dem Pizzo d’Orsalìa durch und von Lichtstrahl zu Lichtstrahl der wie wir nach Westen wandernden Sonne entgegen.

Wandervorschläge über der Nebelgrenze finden Sie in Ausgabe 6/2021

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Wandermagazin Schweiz 6/2021

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Die Nebeltage haben in den letzten Jahren zwar abgenommen, es gibt sie aber immer noch. Vor allem im Mittelland häufen sie sich gegen die Wintermonate hin und bevorzugt in den

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