Text und Bilder: Toni Kaiser

Rund um den «Kultberg» Triglav

Die Julischen Alpen verbinden Slowenien und Italien. Grossartige Landschaften, rauschende Flüsse, glitzernde Bergseen, atemberaubende Gipfel und jede Menge Karsthöhlen erwarten den Wanderer auf über 10.000 Kilometern markierten Bergwanderwegen. Im Herbst 2019 wurde hier ein neuer Fernwanderweg eröffnet: der 270 Kilometer lange Juliana Trail.

Der Fluss rauscht und donnert da hinten in der Schlucht. Maja Ivančič hat uns über die Holzplanken und viele Treppenstufen ganz nach hinten geführt, zur Teufelsbrücke. Dahin, wo unter den Felsen eine Thermalquelle entspringt, die mit bis zu 29 Grad erheblich wärmer ist als das fünf bis neun Grad kalte Wasser der Tolminka. Wärmer deshalb, weil das Oberflächenwasser in der Tiefe versickert, dort durch die geothermische Energie erwärmt wird und dann durch das Geröll irgendwo wieder zutage tritt. Wie so oft in den Julischen Alpen. Slowenien gilt nämlich als Land der gesunden Gewässer, weil es aussergewöhnlich reich an natürlichen Thermalquellen ist.

Hier, im Tolminer Klamm, liegt der niedrigste und zugleich südlichste Eingangspunkt zum Nationalpark Triglav, dem einzigen in Slowenien. Seit einem guten halben Jahrhundert wird hier gemeisselt und gehämmert, um die imposante Schlucht dem Publikum zugänglich zu machen. Auch Dante hat sich hier in einer Höhle seine Inspirationen geholt. Kein Wunder bei mehr als 11.000 bekannten Karsthöhlen im Land, wovon die berühmte Postojna-Höhle als die meistbesuchte der Welt gilt.

Am türkisfarbenen Fluss entlang.

Das Wasser hat uns schon den ganzen Nachmittag begleitet. Zuerst am lauschigen Stausee von Most na Soci, dann der rauschenden Soča entlang nach Tolmin, einem schönen Ort an der Isonzo-Front mit Erst-Weltkriegs-Vergangenheit. Während des Ersten Weltkriegs erlebte der grüne Bergfluss eine der blutigsten Schlachten, in der Soldaten aus 20 Ländern und vier Religionen kämpften. Heute erinnern zum Glück nur noch Denkmäler an diese Geschehnisse, weisen auf die Sinnlosigkeit des Kriegs hin. Um mehr über das Thema zu erfahren, ist ein Besuch im Museum von Kobarid empfehlenswert.

An der in prächtigem Türkis glitzernden Soča liegt auch der Campingplatz von Kobarid. Hier führt Lydia Koren mit starker Hand das Szepter. Bei ihr finden sich neben Hikern und Bikern vor allem auch Kanuten aus aller Herren Länder ein. Die Wanderung dem rauschenden Wasser entlang ist schön und erinnert doch sehr an unsere heimischen Berggewässer. Doch zum Wandern nach Slowenien reisen, wo wir hierzulande über viel interessantere und zudem weitaus höhere Berge verfügen? Ja doch! Denn dieser eher unbekannte Teil des Alpenbogens bezirzt durch faszinierende Landschaften, die dem Gast mal vertraut, dann wieder völlig ungewohnt erscheinen. «Sanfte Gletschertäler und schroffe Kalkwände, Hochplateaus aus Karstgestein, aus dem Fels schiessende Wasserfälle, tiefe Schluchten: Die Julischen Alpen sind ein Gebirge mit fantastischen Wandermöglichkeiten.» So schreiben die Autoren des Rotpunkt-Wanderführers «Quer durch die Julischen Alpen».

Und so sind die Slowenen denn auch ein höchst wanderfreudiges, um nicht zu sagen ausgesprochen sportliches Volk. Darum glänzt das «kleine grüne Land» mit zahlreichen Austragungsorten von international hochstehenden Sportanlässen – wie etwa Kranjska Gora und Maribor für den Skiweltcup sowie Planica für Skiflugwettkämpfe. Auch hat sich Slowenien zu einem Mekka des Wildwassersports – Kanu, Kajak, Rafting – entwickelt; dessen Zentrum ist die Stadt Bovec an der oberen Soča. Der Bleder See ist berühmt für den Rudersport, und auch das Mountainbiken gewinnt schnell an Bedeutung. Kurz: Slowenien hat sich in den letzten Jahren zu einer höchst attraktiven Destination für Aktivtouristen gemausert.

Doch zurück zum Wandern. Der im Herbst 2019 eröffnete Juliana Trail ist eine neue, 270 Kilometer lange Fernwanderroute rund um den Nationalpark Triglav. Er führt weniger durch das felsige Hochgebirge als vielmehr um dieses herum. Die höchsten Gipfel bleiben zwar stets in Sichtweite, auch ihr höchster, der markante Triglav (2864 m). Doch prägen auf den 16 Etappen eher malerische Bergtäler, Almweiden, schmucke Dörfer und viele kulturelle Highlights, aber auch reissende Bergbäche wie eben die Soča und der schöne See von Bohinj die Tour. Dennoch sind gut 7800 Meter hinauf und hinab zu bewältigen. Die Tagesetappen enden alle in Ortschaften mit Unterkünften, die stets auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können. Das erhöht die Flexibilität. Geldgeber für die Erstellung der Route waren die sechs anliegenden Gemeinden Radovlica, Kranjska Gora, Bohini, Bled, Tolmin und Bovec.

Erstmals aufmerksam wurde ich auf Slowenien als Wanderland 2014, als Bernhard Herold und Dagmar Kopse den schon erwähnten Rotpunktführer «Quer durch die Julischen Alpen» im Alpinen Museum in Bern präsentierten. Mit dabei war damals auch Martin Solar, der von 2009 bis 2013 Direktor des Nationalparks Triglav war und das Vorwort für das Buch geschrieben hat. Dies teilte er mir auf meine erstaunte Nachfrage lachend mit, als ich im vergangenen Herbst, kurz vor Eröffnung des Trails, mit ihm unterwegs war. Eine schöne Koinzidenz. Er ist einer der Väter des Projekts, zusammen mit Clemen Langus, dem eigentlichen Initianten und Tourismusdirektor, sowie Marko Lenarcic, Chef des Tour-Operators «Hiking und Biking Slovenia» in Ljubliana. Zwei Jahre lang haben sie zusammen geplant und gewerkt, damit nun Wanderer aus aller Welt die vielfältige Welt der Julischen Alpen auf eigene Faust erkunden können.

Slowenische Fernwanderwege
Die Julischen Alpen sind eine erstklassige Wanderdestination. Nicht weniger als 10.000 Kilometer markierte Wanderwege durchziehen das Gebirgsmassiv zwischen Italien und Österreich (wobei noch die gut 120 Kilometer langen und viel weniger bekannten Karawanken dazwischen liegen). Der Alpenverein sorgt mit 178 Berg- und Schutzhütten sowie Biwaks dafür, dass auch das Hochgebirge, das auf dem Triglav 2864 Meter erreicht, für Mehrtageswanderungen und Klettertouren im schroffen Karst attraktiv ist. Im Mittelgebirge und in den Ebenen sind einige Hütten das ganze Jahr hindurch geöffnet, während im Hochgebirge die Saison Mitte Juni beginnt und bis Ende September dauert.

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