Text und Bilder: Stefanie Pargätzi

Kuschelfaktor

Heute ist Besuchstag in Martigny. Der jüngste Wurf von Familie Barry darf sich zum ersten Mal dem Publikum präsentieren. Ein grosser Tag zwar für die unbeholfenen Wollbündel, die aber noch scheu in der neuen Welt herumtorkeln. Kein Problem für Andrina und Zaira, im Haus der Fondation Barry gibts noch viel mehr zu entdecken.

Bernhardinerhunde sind richtige Knuddeltiere, denen niemand widerstehen kann. Fast niemand. Die dreijährige Andrina traut sich nämlich noch nicht so recht. Sind sie noch kleine Wollbündel, kein Problem, sind sie aber wie Mutter Barry 90 Zentimeter gross und wiegen bis 65 Kilo, dann schon. Da nützt dann auch ihr treuherziger Blick nicht darüber hinweg. Doch vor allem der Kleinen wegen sind wir heute nach Martigny gepilgert, ins Barryland. Wenige Wochen alt sind die Welpen erst, und heute ist ihr erster Besuchstag. Zahlreich sind Besucherinnen und Besucher von nah und fern hergefahren, viele haben sich schon lange auf die knuddeligen Bündel gefreut. Doch die sind noch scheu, strecken nur kurz ihre Schnauzen aus dem Häuschen. In ein paar Wochen wird das anders sein, dann werden sie zwar noch ungeschickt herumtollen und verspielt um die Vorherrschaft balgen, stets gut beobachtet von ihrer Mutter. Dann wird sich der Besuch hier sogar noch mehr lohnen als heute. Und wenn die Hunde zu festgesetzten Zeiten dem staunenden Publikum präsentiert werden, dürfen sie dann auch gestreichelt werden. Das ist problemlos möglich, denn Bernhardiner sind kontaktfreudige Wesen. Und sogar wer gerne einmal mit ihnen spazieren möchte, kann das tun, muss dazu aber auf die Passhöhe des Grossen Sankt Bernhard fahren.

Da oben, auf 2469 Metern, verbringen jeweils 15 Tiere – nach einer Art Alpaufzug von Bourg-St-Pierre her – ab Ende Juni bis Ende September ihre Sommer-Auszeit. Ihr «Heim» liegt dann beim Hospiz. Unten in der Station wie oben auf dem Pass ist es immer wieder ein fotogenes Ereignis, wenn die Hunde gefüttert werden – die Welpen drei- bis viermal täglich, ältere Hunde nur noch zweimal. Oben auf dem Pass drehen die Hunde dann auch Wanderrunden mit Gästen durch die schöne Walliser Bergwelt, dies stets in Begleitung von einem Betreuer oder einer Betreuerin. Im Frühling ist das auch in Martigny und im Winter auch in Champex-Lac möglich. Diese Touren, die mit Kindern ab acht Jahren möglich sind, erfreuen sich grosser Beliebtheit.

Dabei tragen die Tiere aber kein Schnapsfässli um den Hals, dem bekannten Symbol der Bernhardinerhunde. Das haben sie auch nie und gehört ins Reich der Legenden. Nicht ins Reich der Schauermärchen gehört hingegen, dass Bernhardinerhunde schon Lawinenverschüttete vor dem sicheren Tod bewahrt haben. Und auch nicht, dass die gutherzigen Tiere in der Betreuung von Menschen in Altersheimen und Psychiatrischen Kliniken eingesetzt werden, um diesen ein bisschen Freude in den tristen Alltag zu bringen.

Wer übrigens genau hinschaut, stellt fest, dass es kurz- und langhaarige Hunde gibt. Die kurzhaarigen wurden aber nicht geschoren, sondern es handle sich dabei um unterschiedliche Rassen, erklärt Karin Engel. Früher hätten auf der Passhöhe, bei den Mönchen, nur kurzhaarige Tiere gelebt, man vermute aber, dass die Gottesbrüder einst mangels Nachwuchs eine langhaarige Rasse eingekreuzt hätten.

Zaira und Andrina interessieren solche Sachen inzwischen nicht mehr wirklich. Denn sie haben im obersten Stock das Hauses jede Menge coole Spiele entdeckt. Vor allem eine riesige Kugelibahn hat es ihnen angetan. Davon konnte sie im ersten Stock auch das mit Hunden, vor allem Hundebildern, voll gespickte Museum nicht mehr abhalten. Spiel, Spass, Spannung – das ist es, was für die Kleinsten zählt. Und das ist beim Hund nicht anders als beim Menschen.

Die Fondation Barry du Grand-St-Bernard hat 2005 von den Chorherren vom Grossen Sankt Bernhard die über drei Jahrhunderte alte Zucht der berühmten Bernhardinerhunde übernommen. Sie ist seither samt interaktivem Museum in Martigny zuhause. Die Stiftung Barry ist die weltweit älteste Zucht des Schweizer Nationalhundes. Im Museum werden immer wieder neue Exponate zu den Bernhardinerhunden vom Hospiz gezeigt.
Fondation Barry du Grand-St-Bernard, Martigny VS, Tel. 058 317 77 00, www.fondation-barry.ch

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