Text und Bilder: Toni Kaiser

Herdenschutzhunde

Plötzlich versperrt ein grosser weisser Hund zähnefletschend den Weg. Ein Durchkommen scheint unmöglich. Hinter ihm ist eine Herde Schafe am Weiden. Diese Tiere bewacht der Hund, ein Schäfer ist nicht in Sicht. Was nun?

Es ist gut hundert Jahre her, dass es der Mensch fertiggebracht hat, drei grosse Beutetiere auszurotten, die einst zur heimischen Tierwelt gehört haben: Luchs, Bär und Wolf. Doch seit einiger Zeit sind in unseren Bergen wieder Spuren dieser Raubtiere festzustellen. Der Luchs hat sich vor allem in den Voralpen und im Jura etabliert, seit Sommer 2005 überqueren auch Bären wieder vermehrt die Landesgrenze, und Wölfe wanderten von Italien und Frankreich her in unser Land ein. Vor allem letzteren ist es zu «verdanken», dass auf den Sömmerungsweiden zur Sicherung der Schafe immer häufiger Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Und das führt in einem so dicht besiedelten und genutzten Land wie dem unseren naturgemäss zu Konflikten.

Wer beim Wandern eine solche Situation antrifft, sollte in erster Linie einmal Ruhe bewahren.

Deshalb hat vor einigen Jahren das Bundesamt für Umwelt BAFU die gesetzlichen Grundlagen geschaffen und ein Präventionsprogramm entwickelt, mit welchem Herdenschutzmassnahmen gezielt gefördert und unterstützt werden. Im Vordergrund steht der Einsatz von Herdenschutzhunden. Dabei handelt es sich um Tiere der Rassen Maremmano Abruzzese (auch Pastore Abruzzese genannt) und Montagne des Pyrenées. Beides stämmige und muskulöse Tiere mit einem dichten weissen bis hellgelben Fell, die eine Rumpfhöhe von bis zu 80 cm erreichen. Die als höchst aufmerksam geltenden Tiere müssen ihre Herde rund um die Uhr selbständig bewachen. Derzeit stehen gut 300 dieser aus genetischen Gründen möglichst rasserein gezüchteten Hunde in der Schweiz im Einsatz, je etwa hälftig und bis sie ein Alter von etwa zehn Jahren erreicht haben.
Der Wunderhund soll also in Eigenregie jagende Wölfe verjagen, den Menschen aber, der die Herde passieren möchte, unbehelligt lassen. Doch wie soll er merken, dass der eine seinen Schafen Böses und der andere ihnen nichts Böses antun will? Das ist auch für ein so intelligentes Tier keine einfache Aufgabe. Vor allem, wenn dieser Mensch auch noch selber einen Hund mit sich führt, den der Schutzhund gut für einen Wolf halten könnte.

Dem Wolf (hier fotografiert im Juraparc bei Vallorbe) gilt der Aufwand mit den Herdenschutzhunden.

Eine schwierige Aufgabe! Taucht ein fremdes Wesen auf, muss der Hund zuerst einmal feststellen können, ob der Herde Gefahr droht oder nicht. Dazu läuft er auf den Eindringling zu und bellt. Hat er sich überzeugen können, dass kein Problem besteht, beruhigt er sich wieder und zieht ab. Falls nicht, reagiert er aggressiv. Und das kommt vor: 2018 wurden in der Schweiz 15 Schnappvorfälle gezählt, im Jahr zuvor 19. Damit dieses Risiko minimiert werden kann, gibt es seit 1999 eine spezielle Ausbildung für Herdenschutzhunde. Diese wird durch Spezialisten des Vereins Herdenschutzhunde Schweiz HSH-CH durchgeführt. Ziel: Schutzhunde ausbilden, die «managebar» sind. Das heisst, dass der Hund genau das tun soll, was der Mensch von ihm will.

Anzeige
Warntafeln machen auf Herde und Hund aufmerksam und zeigen, was zu tun und was zu unterlassen ist.

Der Schafhalter erhält die ausgebildeten Hunde – es sind stets mindestens zwei –, nachdem diese die 15-monatige Ausbildung durchlaufen und eine strenge Prüfung bestanden haben. Diese von schweizweit derzeit 28 Spezialisten geleistete Schulung wird vom Bundesamt für Umwelt BAFU abgegolten. Aber auch der Schafhalter selber muss eine (kurze) Fachausbildung durchlaufen. Die Vermittlung der Hunde erfolgt durch Agridea, der landwirtschaftlichen Beratungszentrale. Pro Hund muss der Halter 1200 Franken bezahlen. Und wichtig: Falls im (neuen) Beziehungsgefüge Halter–Hunde–Schafe Probleme auftreten, was immer mal vorkommen kann, werden die Hunde ausgetauscht.   

Im Taleinschnitt weiden die Schafe, oben sorgt der Schutzhund dafür, dass sie dies sorglos tun können.

So verhalte ich mich richtig
Um Herdenschutzhunden auf den Weiden die Arbeit zu erleichtern, müssen Passanten deren Verhalten respektieren. Dazu gibt es Verhaltensregeln, damit die Herde möglichst wenig gestört und die Tiere in den Augen des Hundes nicht bedroht werden.

  • Nicht direkt in eine Herde hineinmarschieren, sondern zuerst stehenbleiben, nicht reden oder gar schreien. Bauchgefühl beachten, denn der Hund fühlt die Emotionen eines Passanten (Angst, Wut, Zorn usw.) und reagiert auch darauf.
  • Ruhe bewahren, kein direkter Blickkontakt, Provokationen mit Stöcken und schnelle Bewegungen meiden, Desinteresse markieren.
  • Die Herde nach Möglichkeit um- oder zumindest langsam in ihr vorbeigehen, ohne die Tiere zu stören.
  • Das Problem ist oft nicht der Wanderer, sondern der ihn begleitende Hund. Diesen an die Leine nehmen. Ein fremder Hund darf auf keinen Fall zur oder gar in die Herde rennen.
  • Zutrauliche Schutzhunde weder streicheln noch füttern. Und solche, die einem folgen, ignorieren. Der Hund kehrt von selber zu seiner Herde zurück.

«Herdenschutzhunde arbeiten immer mindestens zu zweit»

Das Kompetenzzentrum Agridea koordiniert seit Herbst 2003 vom Bund beauftragt die Ausbildung von Herdenschutzhunden und deren Einsätze. Der studierte Zoologe Ueli Pfister aus Rüeggisberg BE ist Präsident des Vereins Herdenschutzhunde Schweiz und bildet selber auch Hunde der Rasse Pastore Abruzzese aus.

REDAKTION  Ueli Pfister, wo liegt das Hauptproblem, wenn Wanderer und Herdenschutzhunde aufeinander treffen?
UELI PFISTER
  Die Hauptproblematik offenbart sich in der freien Interaktion der Hunde mit ihnen unbekannten Personen, die nicht unter Kontrolle des Hundehalters stattfindet. Dabei spielen viele äussere Umstände wie das Verhalten des Menschen, wie er auftritt, ob er alleine oder in der Gruppe unterwegs ist, ob er einen eigenen Hund mitführt usw. eine wesentliche Rolle, die mit den Herdenschutzhunden selber eigentlich gar nichts zu tun haben.  

R  Da muss der Herdenschutzhund also ganz viel Einfühlungsvermögen an den Tag legen?
UP
  Das ist so. Herdenschutzhunde werden auf ein Resource orientiertes Konkurrenzverhalten trainiert. Das heisst, sie müssen die Schafherde – das ist die Resource – vor Übergriffen von fremden Tieren und Menschen bewahren. Sie sollen also auf das reagieren, was nicht zur Herde gehört, und dies auch noch in einem adäquaten Mass. Läuft in der Interaktion Passant–Hund von Beginn weg etwas falsch, kann dies zu Problemen führen.

R  Das müssen ja Superhunde sein, die eine solche Aufgabe erfüllen können?
UP
Genau deswegen eignen sich dafür auch nur wenige Hunderassen. Sowohl Pastore Abruzzese wie Montagne des Pyrenées verfügen von Natur aus über ein Beschützer-Gen und zudem über die Fähigkeit zum selbständigen Arbeiten. Die strenge Schulung hat zum Ziel, solche Eigenschaften noch zu fördern. Am besten eignen sich Hunde, die schon aus einer «Arbeitslinie» kommen, deren Eltern also selber auch schon aktive Arbeitshunde waren.

R  Was wird ihnen sonst noch beigebracht?
UP
  Der Auftragszweck ist das selbständige Bewachen einer Herde von Schafen, eventuell auch Ziegen oder Kühen – in Australien gibt es sogar ein Projekt mit Zwergpinguinen. Ihr Einsatz ist also joborientiert und nicht etwa dem Gehorsam verpflichtet. Die Ausbildung zielt in drei Richtungen: Förderung der Mensch–Hund–Sozialisierung, das ist der Beziehungsaspekt. Dann die Sozialisierung Hund–Schaf, die von Geburt an gefördert wird. Und schliesslich die Rudelfähigkeit, denn Hunde sind soziale Wesen, die nie alleine aufwachsen. Deshalb arbeiten sie auch im Herdenschutz nie alleine, sondern immer mindestens zu zweit.

R Und das wird auch alles geprüft?
UP  Ja, es handelt sich dabei um die härteste Hundeprüfung überhaupt. Geprüft werden innerhalb von 24 Stunden in einem dem Hund unbekannten Gelände die Grundführigkeit, die Bindung an die Schafe, die Reaktivität gegenüber fremden Personen und Hunden in Abhängigkeit von der Position der Schafherde, dann aber auch die Toleranz gegenüber Menschen und Hunden ausserhalb der Herde sowie die Stresstoleranz.

R  Was passiert, wenn der Hund nicht besteht?
UP  Ein Hund kann die Prüfung einmal innert sechs Monaten wiederholen. Falls er dann noch immer nicht besteht, wird ihm die offizielle Registrierung als Herdenschutzhund entzogen, die er von Geburt an innehat.

Infos und Online-Karten mit den Einsatzorten von Herdenschutzhunden im Alpgebiet bei der Fachstelle Herdenschutz Agridea, Tel. 052 354 97 00, www.herdenschutzschweiz.ch

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on pinterest
Pinterest
Aktuelle Ausgabe
Wandermagazin SCHWEIZ 5/2021

Wandermagazin SCHWEIZ 5/2021

Dies- oder jenseits der Landesgrenze bleiben? Das war eine der wichtigen Fragen während der letzten zwei Jahre. Das Wandermagazin SCHWEIZ hat für diese Ausgabe mehrfach die Grenzen überschritten. Das Ausland

Weiterlesen
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Empfehlen Sie uns weiter:
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp