Text und Bilder: Toni Kaiser

Glänzende Kristalle

Durch die Kristallhöhle Kobelwald im St. Galler Rheintal fliesst ein kleiner Bach, was für begehbare Schweizer Höhen eher selten ist. Zu bewundern sind schöne Kalzitkristalle.

«Wo um Himmels Willen ist der Wasserfall geblieben?» Unser Führer kann es kaum glauben, ist gar ein bisschen entsetzt. Denn in dieser Höhle fliesst normalerweise kristallklares Wasser, was in begehbaren Schweizer Höhlen eher selten ist. Doch nicht darum nennt man sie Kristallhöhle, sondern wegen der Kalzitkristalle, die es in reicher Fülle zu sehen gibt. Genau das, die Höhlenatmosphäre, die Tropfsteine, das rauschende Wasser (von dem man noch immer nicht genau weiss, woher es kommt), die Ton- und Lichtverhältnisse sind es, welche die Höhle zum Publikumsmagneten machen. Seit 2015 ist Andrea Büchel die Höhlenwartin, doch heute empfängt uns ihr Mann Peter auf der einladenden Plattform mitten im abschüssigen Gelände des Oberrieter Chienbergs. Er ist einer von 25 Guides des 1973 gegründeten Verkehrsvereins. Wortreich führt er uns in seinem Rheintal-Oberriet-Dialekt, dem der Solothurner nur mit Mühe zu folgen vermag, durch die Höhle.

Kristalle und ein Heilbad
Anfang des 18. Jahrhunderts hätte man hier noch baden können. Genauer unten im Dorf Kobelwald, wohin das in der Höhle gefasste, mineralreiche Wasser geleitet wurde. Im lebhaften Kurbetrieb versprachen sich Heilsuchende Gesundung gegen Rheuma und allerlei chronische Hautkrankheiten.
1682 war die Höhle von Jägern zufällig entdeckt worden; der Eingang war damals noch im fast unzugänglichen Dickicht versteckt. 1702 wurde sie vom Zürcher Gelehrten Johann Jacob Scheuchzer erwähnt, 1752 war sie als Mineralfundstelle auf den ältesten mineralogischen Karte der Schweiz zu finden, so auf der Carte mineralogique de la Suisse des französischen Geografen Philippe Buache. Zu ihrer Erforschung wurde 1934 der erste mit Wasser gefüllte Siphon mit einer Sprengung umgangen. Die Eröffnung als Schauhöhle kam schon ein Jahr darauf, nachdem man einen neuen Weg, der heute ein Waldlehrpfad ist, und einen Eingang gebaut und die Gänge elektrisch beleuchtet hatte. Doch erst 1999 bis 2002 wurde sie von der Arbeitsgemeinschaft für Speläologie Regensdorf genau vermessen und ein detaillierter Plan erstellt. Dieser umfasste den 128 Meter langen, für Besucher begehbaren Hauptgang sowie weitere, nicht öffentlich zugängliche 241 Meter. 2013 gelang es einer Tauchgruppe, einen weiteren engen Siphon zu durchtauchen und 50 Meter bis zu einem nächsten zu erforschen, sodass die Gesamtlänge aller bekannten Gänge heute 665 Meter beträgt.
Vor allem interessant ist die Kobelwald-Höhe, weil sie eines der grössten Minerallager der Schweiz enthält. Hinzu kommen der rauschende Höhlenbach, Sintertreppe, ein kleiner Wasserfall und ein See mit schönen Lichtspielen. In einer Kluft sind dank einer Lehmschicht herrliche Kalzitkristalle zu bewundern, ein Stück weiter hat das kalkhaltige Wasser Sinter abgelagert und dabei eine Eule und einen Höhlengeist geformt. Im Winter würde man sogar Fledermäuse entdecken, die sich für den Winterschlaf kopfüber ans Höhlendach hängen, doch ist die Höhle dann nicht zugänglich.

Zeitbedarf für (geführte) Höhlenbegehungen: etwa 25 Minuten. Beim Eingang mit Kiosk (u.a. Verkauf von Kristallen und Mineralien) befindet sich ein Picknickplatz mit zwei Grillstellen, dazu ein weiterer oben am Wanderweg. Und beim Parkplatz 3 im Wald, dem sogenannten Tanzplatz, gibt es in einer Holzhütte mit jeweils saisonaler Ausstellung.
Infos: Tel. 071 761 19 77, www.kristallhöhle.ch

Eine Wanderung die nahe bei der Kristallhöhle Kobelwald vorbeiführt steht mit Beschreibung, Karte und Höhenprofil im Tourenplaner SCHWEIZ zur Verfügung:

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