Text und Bilder: Toni Kaiser

Eine Alp für stille Geniesser

Eine sanfte Alpweidemoorlandschaft inmitten eines imposanten Bergkranzes, einige schmucke Seelein, mit etwas Glück ein paar Steinböcke, dazu Schlafen auf einer herrlich gelegenen Alp: Da sind die überzeugenden Argumente für einen Ausflug in den Naturpark Beverin. Auch mit der ganzen Familie!

Auf dieser Alp gibt es ein Agrotourismus, es heisst Nurdagn und es ist erst seit kurzem ein solches. Wer hier übernachtet, wird mit schönen Naturerlebnissen verwöhnt, vielleicht auch mit der Besteigung eines der grossartigsten Aussichtsberge Graubündens, dem Piz Beverin. Mit 2998 Metern Höhe ist er ein Beinahe-Dreitausender – wer ein bisschen aufspringt, erreicht mit dem Kopf die magische Grenze.

Melanie und Andreas Gufler, beide Südtiroler, empfangen mich herzlich und zeigen mir auch gleich, wo ich schlafen darf – im schön umgebauten Kuhstall nämlich. Es ist ein Massenlager – auch Sechsbettzimmer stünden zur Verfügung und es riecht herrlich nach frischem Holz. Gemütlich ist es hier, auf 2300 Metern Höhe, und so sind auch die Guflers. Alles ist überblickbar, nichts ist zu viel, nichts überladen. Das merkt man, und es tut gut. Zwei Kühe grasen draussen, Melanie und Abdreas verarbeiten deren Milch zu Ziger, Joghurt und Butter, und die sind dann auch Teil des herzhaften Älplerfrühstück. Und dann diese Küche! Da möchte ich auch gerne arbeiten, sie kann einen richtig eifersüchtig machen. Grosszügig zur gemütlichen Stube hin offen, ein wunderschöner Holzofen aus schwarzem Marmor. Ums Haus tollen ein paar Kinder herum, es gibt einen Spielplatz mit einem Trampolin, viel mehr aber nicht, dafür viel Platz. Wenig ist vorbestimmt, es lässt die Kinder selber kreativ werden.

Naturpark Beverin.

Anlass meiner Tour ist die Alp Anarosa, etwas oberhalb und westlich von Nurdagn gelegen. Auf 2200 bis 2400 Metergelegen, ist sie eine der höchstgelegenen Alpweidemoorlandschaften Graubündens. Und mit den beiden Seelein Lai Pintg und Lai Grand am Fuss der imposanten Graustöcke auch ein Bijou, das zum Wandern und Verweilen geradezu verführt. Wilde Schutthalden, Grund- und Seitenmoränen ehemaliger Gletscher prägen das Landschaftsbild und schaffen mit den sanften Flachmooren und Feuchtwiesen, den spitzen Gratzacken und den steilen Karwänden eine spannungsgeladene Kulisse, die das Auge verzückt. Kühe weiden bimmelnd, besonders gern an den Ufern des Lai Grand. Die sanften Flachmoore und die Seen laden zum Spielen und Relaxen ein, Auge in Auge mit Fröschen, Schmetterlingen und Murmeltieren, die sich in den saftigen Gräsern tummeln. Eines davon ist das Skorpionsmoos, das beim kleinen Lai Pintg wächst und in Graubünden sehr selten sei, verrät mir Andreas. Dieses Scorpidium cossonii ist eine Laubmoosart aus der Familie der Scorpidiaceae. Es bildet lockere bis dichte, grüne, gelbgrüne oder braune Rasen, dies an kalk- oder mindestens basenreichen Standorten, an nassen Stellen in Nieder- und Zwischenmooren wie hier also, verrät mir das Internet. Die Art war früher vom Flachland bis in die Alpen weit verbreitet, mit der Zerstörung vieler Moorgebiete durch Trockenlegung hat sie in grösseren Beständen aber praktisch nur in Mooren in den Alpen oder an deren Rand überlebt.

Der Park Beverin, in dem ich mich hier befinde, ist einer von 18 Schweizer Naturpärken (inkl. Nationalpark). Seine 412 Quadratkilometer Fläche besteht aus vier Talschaften, elf Gemeinden – Andeer, Casti-Wergenstein, Donat, Ferrera, Mathon, Lohn, Rongellen, Safiental, Sufers, Tschappina und Zillis-Reischen –, 3000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie zwei kulturhistorisch und sprachlich unterschiedlichen Siedlungsgebieten. Auch die berühmten Schluchten Viamala, Roffla und seit 2016 auch die Ruinaulta sind Teil des Parks; sie bilden die Eingangstore in die vier Talschaften. Und als Markenzeichen der Steinbock: Keiner der Schweizer Naturpärke wird intensiver mit dem «Capricorn» in Verbindung gebracht wie der Beverin. Das stolze Tier ziert das Wappen, im Center da Capricorns in Wergenstein ist ihm eine Ausstellung gewidmet, und wer auf Steinbock-Pirsch gehen will, kann auch das tun: Die «Capricorn Pirsch» ist eine digitale Schatzsuche auf den Spuren der Böcke. Ausserdem bietet ein dreitägiger Rundgang mit Start- und Endpunkt Wergenstein, die Via Capricorn, Gelegenheit, die Tiere in ihrem Habitat zu beobachten. Allerdings ist dazu etwas Trittsicherheit gefordert.

Was auch für die Besteigung des namengebenden Gipfels gilt: dem Piz Beverin. Kenner sprechen von einem der schönsten Aussichtsberge Graubündens. Der Klassiker wird vor allem am Wochenende gern «gemacht», obwohl von Westen her in seinen brüchigen Felsen einige steile Fixseilpassagen zu bewältigen sind. Einfacher ist der Aufstieg von Süden her über seinen breiten Rücken, doch muss auch hier eine senkrechte Achtmeterleiter überwunden werden. Da entlöhnt die prächtige Rundsicht vom riesigen Steinmann auf seinem weiten Gipfel umso mehr für die Mühen des Aufstiegs!

Das Agrotourismus Alp Nurdagn ist Mitte Juni bis Ende Oktober offen, Tel. 081 511 01 91, www.alpnurdagn.ch. Von Anfang Juli bis Mitte Oktober verkürzt der Bus alpin den Zustieg von Wergenstein her zur Alp Tguma, Tel. 079 242 13 00, www.busalpin.ch. Vom Endhalt ist das Bergsträsschen zur Alp Nurdagn kinderwagengängig (1/2 h). Infos unter www.naturpark-beverin.ch

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