Text: Toni Kaiser, Bilder: zvG PostAuto-Medienstelle Schweiz

Die wildesten PostAuto-Linien der Schweiz

Gfürchig. Gruslig. Nicht zum Hinschauen. Rege PostAuto-Fahrende können ein Lied davon singen: Es gibt Postautostrecken, die sind nichts für schwache Nerven. Von den gut 900 Linien auf dem über 16000 Kilometer langen Strassennetz von PostAuto Schweiz, das die Traditionsfirma mit 2400 Fahrzeugen betreut, sind einige wirklich zum Fürchten.

Eine kleine Leitplanke oder ein winziges Mäuerchen, falls überhaupt, dann gehts ab in die Leere – hoffentlich nur mit dem Auge. So zum Beispiel auf der Fahrt durchs graue – auch grauenhaft abschüssige – Tal der Lizerne nach Derborence im Unterwallis, mitten in ein riesiges Bergsturzgebiet, dem einst ein See entsprungen ist.
Gleiches kann man auf der Südseite der Rhone sagen, wo von Siders eine Postautolinie ins schöne Val d’Anniviers führt. Bis Vissoie wünscht man sich sehnlichst, dass bei Wagen und Fahrer alles in Ordnung ist – und auch bleibt.

Oder fahren sie einmal von Locarno aus durchs steile und waldreiche Valle Onsernone – das Tal der Künstler und Aussteiger! – nach Spruga, ins hinterste Dorf, das unmittelbar an der italienischen Grenze liegt. Die Strasse wurde erst 1898 bis 1990 erstellt, doch fertig ist sie eigentlich nie, zu viel Unterhalt erfordert das schwierige Gelände. Die 300 Kurven und unzähligen spektakulären Brücken auf 28 Kilometer können in den 1¼ Stunden Fahrzeit ganz schön auf den Magen schlagen, die steilen Felsen auf der einen und die tiefen Gründe auf der anderen Seite auch.

In einigen Dorfdurchfahrten wird vom Chauffeur zudem Millimeterarbeit verlangt, oft auch beim Kreuzen. Und es wirkt fast wie eine Parodie, wenn der Fahrer das Lenkrad dabei noch einhändig bedient und sich gleichzeitig mit einem  Fahrgast über die News im Tal austauscht. Wie schon oft selber erlebt…

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Auf der Fahrt im Kleinbus (mehr mags hier nicht leiden) von Reichenbach im Kandertal hinauf auf die Griesalp, auf der gemäss Werbung «steilsten PostAuto-Strecke Europas», hält der Fahrer gar an den wildesten Punkten an und erklärt den Gästen die spektakulären Wasserfälle. Und wer dann später wieder talauswärts fährt, hat in den steilen Haarnadelkurven oft regelrecht das Gefühl abzustürzen. Was viele Passagiere jeweils dazu verleitet, aufzustehen, aus was für Gründen auch immer. Vielleicht, um fürs Erinnerungsbild eine bessere Übersicht zu haben. Das Fotografieren des Autoinnenlebens ist ja sonst nicht gerade die Regel, hier schon. Das Postauto als touristisches Ziel und Ausflugs-must-have: Nirgendwo sonst kommt die Traditionsfirma dem ausflugsgerechten Image näher als hier, im bernischen Kiental.

Als eifriger ÖV-Benützer ist mir selber längst klar geworden: Das Postautofahren kann sich selbst genügen, erstens. Und zweitens kann es ganz schön zum Staunen verleiten. Oft genug ist die Fahrt an den Ausgangspunkt einer Wanderung gar der spannendste Teil am ganzen Tagesprogramm. So dass es sich lohnt, die Tour nach der Postautofahrt auszurichten und nicht umgekehrt. Die Hin- und/oder Rückfahrt also zum eigentlichen Anlass der Tour zu machen. So ganz nach dem Motto, wie es Katharina Merkle von der Medienstelle PostAuto ausdrückt: «Ja, es gibt in der Schweiz tatsächlich viele wilde Strecken.»

Das sind die 10 spektakulärsten PostAutofahrten

Die steilste  Von Reichenbach auf Schotterstrasse auf die Griesalp mit sagenhaften 28 Prozent Steigung. An den interessantesten Stellen hält der Chauffeur an, um den Gästen die Wasserfälle zu erklären. Linie 220, Mai bis Oktober.

Die wildeste  Von Scuol auf Schotterstrasse durchs wilde Val S-charl ins romantische S-charl, das im Winter nur zu Fuss oder mit Pferdeschlitten erreichbar ist. Linie 913, Juni bis Oktober.

Die spektakulärste 1 Von Sion nach Derborence, wo zwei riesige Bergstürze von 1714 und 1749 den Talkassel verschlossen haben. Die vielen Felsgalerien und schaurigen Abgründe veranlassen zum Stossgebet. Linie 331/32.

Die spektakulärste 2  Von Siders nach Vissoie geht der Blicke (hoffentlich nur der)  ebenfalls schwindelerregend in die Tiefe. Ab Vissoie wird das Val d’Anniviers dann deutlich lieblicher. Linie 451.

Auch ganz schön abschüssig  Von Stalden führt die kurvenreiche Strasse via Törbel durch die steile Flanken des Mattertales ins wunderbare Wandergebiet der Moosalp. Linie 518.

Die kurvenreichste  Von Locarno ins Onsernone- und Vergellettotal hat der Buschauffeur auf 28 km gut 300 Kurven perfekt zu lenken. Einige Dorfdurchfahrten sind so eng, dass man an den Häusern Spuren sieht. Trotz Kleinbus muss der Fahrer nach Gresso in gewissen Kurven zweimal ansetzen. Linien324 und 325.

Ins entlegenste Tessiner Dorf  Auch sehr kurvenreich ist die Strasse von San Nazzaro am Lago Maggiore ins einsame, Italien zu orientierte Grenzdorf Indemini. Linie 352.

Mitten durch die Kirche  Von Lugano ins attraktive Carona, dem Künstlerdorf oberhalb Melide, steuert der Fahrer sein Gefährt besonders spektakulär durch die Kirche Chiesa Parrocchiale – ein Millimetergeschäft! Linie 434.

Die schönste?  Von Bignasco kurvt man lauschig an wunderschönen Dörfern vorbei durchs «steinreichen» Val Bavona, dem «steilsten und steinigsten Tal der Alpen». Linie 333.

Die überraschendste  Dies, weil der Gast auf der Fahrt von Fiesch oder Ernen nach dem Twingischluchttunnel unvermittelt in einer anderen Welt steht – im wegen der reichen Mineralienvorkommen weltberühmten Binntal. Linie 652.

Das sind weitere aussergewöhnliche Postautofahrten

Die höchste  Müstair –Tirano über das Stilfserjoch (2757 m). Linie 821, Juli bis Oktober.

Die längste  Die 4-Pässe-Rundfahrt in 8¾ Stunden von Meiringen via Grimsel, Nufenen, Gotthard und Susten. Linie 682, Juni bis Oktober.

Zum höchsten ganzjährig bewohnten Dorf  Von Andeer am Hinterrhein durchs Averstal ins 2126 Meter hoch gelegene Juf. Linie 552.

Im London Taxi  In Brig mit Elektroantrieb etwas Exklusives unternehmen. Buchen via Kollibri-App von PostAuto.

Im britischen Doppelstöcker  Gute Sicht aus der 2. Etage von St. Gallen durchs Appenzellerland nach Heiden. Linie 120.

Mit wehendem Haar  Die attraktive Panoramafahrt mit dem Cabrio-«Poschi». Für Gruppen bis 20 Personen.

Von den Gletschern zu den Palmen  Der Palm-Express verbindet auf 132 km St. Moritz via Bergell und Comersee mit Lugano. Linie 631.

Vom Bündnerland ins Tessin Die malerische (Express-)Linie bringt Reisende über den San Bernardino von Chur nach Bellinzona. Linie 171.

Durch den Nationalpark  Die ausserordentlich schöne Fahrt verbindet das Unterengadiner Dorf Zernez über den 2149 m hohen Ofenpass mit Mals im Vinschgau. Linie 811.

Durchs UNESCO Welterbe  Die fantastisch schönen Weinberge des Lavaux durchs Postautofenster geniessen – von Cully via Chexbres nach Puidoux. Linie 382.

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Dies- oder jenseits der Landesgrenze bleiben? Das war eine der wichtigen Fragen während der letzten zwei Jahre. Das Wandermagazin SCHWEIZ hat für diese Ausgabe mehrfach die Grenzen überschritten. Das Ausland

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