Text und Bilder: Barbara Leuthold-Hasler

Der heilige Wald

Rund 1000 Meter über Brissago am Lago Maggiore wächst ein Wald, der für den ganzen Alpenraum einzigartig ist: ein Wald mit Alpen-Goldregen. Schon früher sah die Bevölkerung diesen als etwas ganz Besonders an und gab ihm den Namen «bosco sacro» – heiliger Wald.

«Il Bosco Sacro del Mergugno», der heilige Wald von Mergugno, heisst ein Waldreservat oberhalb Brissago. Wenn das kein Versprechen ist! Wer möchte nicht gerne einmal durch einen heiligen Wald wandern?
Wer also das Locarnese besucht, das wilde Hinterland von Locarno, dem sei eine Wanderung von Mergugno zum kleinen Rifugio Al Legn wärmstens empfohlen.
Und so steige ich, zusammen mit einigen Gleichgesinnten, an einem Herbsttag durch diesen heiligen Hain Richtung Rifugio auf. Bald entdecken wir an einem Busch lange braune Früchte, die wie übergrosse Bohnen aussehen – ein Goldregen. Die Früchte verraten seine Verwandtschaft: Als sogenannter Hülsenfrüchtler ist der Busch mit Erbsen und Bohnen verwandt. Weltweit existieren nur drei Goldregen-Arten. Zwei davon wachsen im Tessin: der Alpen-Goldregen (Laburnum alpinum), vor dem wir stehen und der im Tessin maggiociondolo alpino heisst, und der Gemeine Goldregen, der nur in tieferen Lagen wächst.

Giftiges «Gold»
In der Regel sind Goldregen Büsche oder kleine Bäume von maximal fünf bis sechs Metern Höhe. Im heiligen Wald stösst man aber auf Exemplare, die bis zu zwölf Meter hoch sind und einen Stammdurchmesser von bis zu 60 Zentimetern aufweisen. Das Alter dieser Bäume wird auf rund 180 Jahre geschätzt. Diese Masse sind für Goldregen schon aussergewöhnlich, aber wirklich beeindruckend ist der Goldregenwald zur Zeit seiner Blüte. Zwischen Mitte Juni und Anfang Juli hängen die goldgelben Blüten in grossen Trauben von den Ästen, sodass die Pflanzen aussehen, als hätte es Gold vom Himmel geregnet – daher auch der Name.
Doch so schön der Goldregen ist, so giftig ist er auch. Sämtliche Pflanzenteile, von den Wurzeln über den Stamm bis zu den Blüten und den Pollen, enthalten das stark giftige Cytisin. Deshalb findet man auf einem Goldregen nur wenige Insekten. Keine Biene, keine Hummel und auch kein Schmetterling besucht je die wunderschönen Blüten. Lediglich fünf Insektenarten können mit der Giftpflanze etwas anfangen. Auf einer Birke sind im Vergleich dazu bis zu 230 verschiedene Insektenarten beheimatet, auf einer Eiche gar bis zu 284.

Unempfindliche Ziegen
Nur einem Tier scheint das Cytisin nichts anhaben zu können: der Ziege. Als Mitte des 19. Jahrhunderts viele Tessiner Wälder als Weide dienen mussten – die arme Tessiner Landbevölkerung war damals auf jeden Quadratmeter Land angewiesen –, wurde auch der heilige Wald nicht verschont. Mächtige alte Buchen mit weit ausladenden Ästen zeugen heute noch von dieser Zeit; sie dienten damals als Schattenbäume für die Weidetiere. Es schien naheliegend, dass die Tiere den bewunderten Goldregen in Ruhe lassen und sich mehr an die Buchen halten würden. Das war aber nicht der Fall. Die Ziegen zeigten sich unsensibel gegen das Pflanzengift und liessen keine jungen Goldregenpflanzen mehr aufkommen. Erst als der Weidedruck nach Ende des 2. Weltkrieges nachliess, konnte sich der Goldregenbestand wieder erholen.
Im Gegensatz zu den Ziegen scheinen Klimaveränderungen den Goldregen kaum zu beeinflussen. Bei den meisten Baumarten widerspiegeln sich Klimaschwankungen im Wachstum, was an der Distanz der Jahrringe abzulesen ist. In kalten Perioden wachsen die Bäume langsamer, sodass diese Ringe dicht aufeinander folgen. Nicht so beim Goldregen: Er wächst zwar langsam, aber schön gleichmässig, egal ob es nun kalt oder warm ist.
Es wird vermutet, dass der Goldregenwald von Mergugno vor rund 5000 Jahren entstanden ist, zu einer Zeit, als wärmeres und feuchteres Klima herrschte als heute. Seither hat er schon manche Kälte- und Wärmeperiode unbehelligt überstanden. Bleibt zu hoffen, dass dies auch für die aktuelle, besonders ausgeprägte Klimaerwärmung gilt.

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