Text und Bilder: Toni Kaiser

Auf den Rekord-Wandergipfel

Auf einem Wanderweg hohe Gipfel zu besteigen, diese Möglichkeit steigt mit dem Abschmelzen der Gletscher. Beim Barrhorn ist das schon länger möglich: Der Walliser Brocken zwischen Matter- und Turtmanntal gilt mit 3610 m als höchster Wanderberg der Schweiz. Doch ist er bei weitem nicht unser einziger Wanderdreitausender.

Die Topalihütte ist ein Aussichtspunkt erster Güte. Kühn thront sie auf einer Felskante unmittelbar am Abgrund, gut 1500 Meter fast senkrecht über dem Talgrund des Mattertals. So scheint es jedenfalls beim Blick von der Hüttenterrasse in die Tiefe. Und auch von ganz unten ist sie in ihrem silbrig glänzenden Kleid gut zu erkennen. Was nicht nur von Vorteil ist, wenn man von St. Niklaus her zu ihr hochsteigen will.

Zum Beispiel, wenn man die spektakuläre Tour aufs Barrhorn von dieser Seite her im Kopf hat. Auf den Gipfel, das als höchster erwanderbarer Berg zumindest der Schweiz gehandelt wird. Noch gehandelt wird, denn der Klimawandel könnte auch da in Zukunft ein Wörtchen mitreden. Denn die Gletscher schmelzen bekanntlich und der Permafrost auch. Das wird neue Möglichkeiten eröffnen – und andere verhindern, wenn Wege verschüttet und unpassierbar werden, Steinschläge drohen usw. Das Äussere Barrhorn wird mit seinen 3610 Metern Höhe oft auch als «höchster Wandergipfel der Alpen» bezeichnet. Doch es gibt einen höheren: die Aiguille de Grande Sassière in den Grajischen Alpen bei Val-d’Isère, auf der französisch-italienischen Grenze. Sie ist mit 3751 Metern noch ein gutes Stück höher und auf dem Normalweg ebenfalls ohne technischen Schwierigkeiten oder vergletscherte Stellen wandernd zu erreichen.

Weiter Hüttenweg
Die Topalihütte steht trotz exponierter Lage sicher. Mit ihren offiziell 44 Schlafplätzen ist das technische Silberklötzchen der Genfer SAC-Sektion Genevoise eine vergleichsweise kleine Hütte. Angenehm klein. Und entspannend ruhig. Denn wegen ihrer weiten Anmarschwege ist hier nicht mit einem grossen Andrang von Tagesausflüglern zu rechnen, die das Personal auf Trab halten.

Anzeige

Jolanda und Oliver Moser waren im Sommer 2020, zur Zeit dieser Tour, das Hüttenwartepaar (ab diesen Sommer führen Georg Deck und Gina van der Zee das Szepter). Jolanda und Oliver wollen sich umorientieren, nochmals etwas Neues probieren. Kein Wunder, die Sommermonate auf so einer Berghütte sind streng und gehen an die Resourcen. Der Namensgeber der Hütte, Constantin P. Topali, sei ein dem Alpinismus zugeneigter Genfer Student gewesen. Er verunglückte jedoch mit seinem Freund in den Monte Rosa, was die Eltern veranlasste, 1925 der Bau einer ersten Hütte hier oben als Tribut an die Sektion zu ermöglichen. 1898 brannte sie ab, 2003 wurde die aktuelle Silberschachtel oben auf dem Distulgrat wieder eingeweiht.

Wem die Hütte von aussen eher etwas technisch und unscheinbar erscheint, der wird im Innern eines Besseren belehrt. Denn die verglaste Front ermöglicht dem Besucher, der Besucherin nahe am Abgrund ein gewaltiges Panorama. Zu bestaunen sind auf der gegenüberliegenden Talseite die Zacken der mächtigen Mischabelgruppe, auch der Monta Rosa und das gewaltige Weisshorn sind zu sehen. Beim opulenten Viergänger aus der Hüttenküche wandert der Blick immer wieder ganz automatisch zwischen Täschhorn, Dom und Co. und feinem Braten, Kartoffelstock usw. hin und her. Sowas stärkt Kopf und Seele und die müden Wanderbeine sowieso.

Wandern auf über 3600 Meter
Das mächtige Barrhorn: Seinetwegen sind wir hier, Esther und ich. Ein Wandergipfel für zwei erprobte Bergsteiger mit Höhenerfahrungen noch und noch? Esther ist gar schon auf zwei Achttausendern gestanden. Doch darum gehts hier nicht, das Barrhorn ist auch wandernd gut zu erreichen. Und das lohnt sich! Die Barrhörner sind ein prächtiger Doppelgipfel, wobei das Äussere Barrhorn der höhere der beiden Gipfel ist. Über seine trostlos steinige Westflanke ist es aus dem Turtmanntal leicht zu erreichen – es sei dann, man hat Probleme mit der Höhe. Doch nach Osten bricht die Wand praktisch senkrecht auf den Unteren Stelligletscher ab.
Als «leicht» wird der Zustieg von der Turtmann-Seite her bezeichnet. Auf einem gut markierten Wanderweg sind von der Turtmannhütte gut 1100 Höhenmeter zu bewältigen, was dann doch einiges an Kondition abverlangt, der Höhe wegen sowieso. Gegen vier Stunden muss man dafür rechnen. Und etwas Trittsicherheit und Schwindelfreiheit müssen dann doch auch sein, weil mit einer Passage, dem sogenannten Gässi, ein steiles Couloir zu bezwingen ist, das allerdings sehr gut mit Eisenbügeln und fixen Stahlseilen gesichert ist.

Um den Aufstieg möglichst interessant zu gestalten, haben Esther und ich jedoch  den Zugang zum Berg von Osten gewählt, von der Topali-Seite her. Dieser Aufstieg führt aber nicht durch die schon erwähnte abweisende Ostwand, sondern er nützt eine Scharte vom Schölligletscher her. Er gilt als etwas anspruchsvoller als der Normalweg, weil mit dem Schölligletscher – zumindest Resten davon – noch etwas Eis und darüber ein gut 150 Meter hoher Felsaufschwung – zum Schöllijoch – zu überwinden ist. Beide bereiten aber (normalerweise) keine Probleme, weil kaum Spalten zu erwarten sind und der Felsriegel gut mit ausreichend Eisenzeug gesichert ist. Wenn allerdings am frühen Morgen oder bei kalter Witterung der Schnee noch gefroren ist oder nur noch mit blanken Eis gerechnet werden muss, empfiehlt sich doch die Mitnahme von Steigeisen und eines Gletscherpickels. Und ein Helm für die brüchige Felswand ist sowieso eine gute Wahl. Es lohnt sich auf jeden Fall, im Voraus den aktuellen Zustand der Passage beim Hüttenwart zu erfragen.

30 Viertausender im Blick
Das alles haben wir dabei und können deshalb die interessante Passage problemlos meistern. Auf dem nun auch schon 3342 m hohen Schöllijoch weitet sich das Panorama, das strahlend weisse Weisshorn und das seinem Nordgrat vorgelagerte Bishorn beherrschen die gewaltige Szenerie. Nicht minder imposant ist auch die weite, graubraune Barrhorn-Westtflanke, dem graubraunen Schuttkegel eines Vulkan ähnlich, durch die sich auf einer elegant geschwungenen Linie kleine farbige Pünktchen wie Ameisen berg- und auch schon wieder talwärts bewegen. Da schliessen wir uns an und erreichen eine halbe Stunde später den Gipfel. Was für ein famoser Ausblick! Nicht weniger als 30 Viertausender sind vom Gipfelkreuz aus zu sehen – und das auch für «normale» Wandersleute. Mischabelgruppe, Monte Rosa, Berner Alpen – sie alle bieten faszinierende Einblicke in die Hochgebirgswelt, wie man sie sonst kaum je von einem Wandergipfel erhaschen kann.

Das macht das Barrhorn natürlich zu einem begehrten Wanderziel und die leicht erreichbare Turtmannhütte zum Basislager mit viel Betrieb. Umso mehr, als das Zeitfenster für eine schneefreie Besteigung knapp ist: Ab Juli kann mit guten Wanderbedingungen gerechnet werden, spätestens im September ist es mit der Herrlichkeit schon wieder vorbei. Doch jetzt ist Anfang August, das Wetter heiss, der Himmel blau und unsere Kondition ansprechend. So können wir geniessen, was sich vom Gipfelkreuz aus rund um uns präsentiert. Ostseitig fallen die Felsen schaurig ab in die Tiefe, ein Schritt zu viel wäre tatsächlich einer zu viel. Von tief unten blinzelt aus Nebelschwaden auch noch das winzige Silberklötzchen der Topalihütte zu uns herauf. Wir schicken einen letzten Gruss, bevor wir uns gemächlich auf dem gut angelegten Weg an den Abstieg zur 2519 Meter hoch gelegenen Turtmannhütte machen, nun aber nicht mehr ganz allein. Um die Hütte sollen die Wiesen rundum voller Edelweiss sein, habe ich verschiedentlich gelesen. Leider entdecken wir keine, vielleicht, weil der Durst von der langen Tour doch zu gross war und wir unsere Sinne schon auf das Löschen desselben auf der belebten Terrasse richten, wo sich jede Menge Tagesausflügler tummeln.

Viele weitere Tourentipps auf Schweizer Wandergipfel in Wandermagazin SCHWEIZ 4/2021

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on pinterest
Pinterest
Aktuelle Ausgabe
Wandermagazin SCHWEIZ 5/2021

Wandermagazin SCHWEIZ 5/2021

Dies- oder jenseits der Landesgrenze bleiben? Das war eine der wichtigen Fragen während der letzten zwei Jahre. Das Wandermagazin SCHWEIZ hat für diese Ausgabe mehrfach die Grenzen überschritten. Das Ausland

Weiterlesen
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Empfehlen Sie uns weiter:
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp